Veröffentlicht am Mo., 29. Jun. 2020 10:37 Uhr

Aus dem Gottesdienst vom 28. Juni – für Sie zum Lesen  

Liebe Mitmenschen, liebe Geschwister,

in unserem Gottesdienst gestern hatten wir aus aktuellem Anlass „Masken“ als Thema gewählt. In der Vorbereitung haben sich sechs Menschen ausgetauscht, wir haben über unsere Erfahrungen mit Masken gesprochen:

Was geht uns durch den Kopf, wenn wir das Wort „Maske“ hören?

Wenn wir Menschen oder uns selbst mit Masken sehen? Sie kennen das bestimmt: im intensiven Austausch miteinander wird es immer farbiger an Gedanken, Gefühlen, Ideen. So war es bei uns. Wir hatten einen bunten Strauß von Ideen, die wir gar nicht alle umsetzen konnten. Zweierlei ist daraus gewachsen: Einmal ein kleines Anspiel im Gottesdienst mit fünf jungen Menschen aus unserem Vorbereitungsteam, die jeweils in eine Rolle geschlüpft sind.  Was gab es da zu sehen, es ist jetzt an mir, Ihnen das so zu beschreiben, dass Sie eine Vorstellung davon bekommen können. Und dann als zweites Element Ihnen einige Gedanken dazu mit in Ihre Woche zu geben.

Fünf junge Menschen also, die sich ganz unterschiedlich verhalten. Sie stehen vorne in der Kirche, da ist genug Platz und Abstand für sie. Sie werden von den Gottesdienstbesucher*innen gesehen.

Da ist auf zunächst eine junge Frau. Sie verhält sich ganz unauffällig, sie steht etwas im Abseits, sie bewegt sich kaum. Ob sie überhaupt jemandem auffällt?

So, wie sie sich gezeigt hat, war sie ganz schön schüchtern. Sie hat sich nicht gezeigt, sich nicht getraut, sich vielleicht auch wenig zugetraut.

Fast das Gegenteil dann ein junger Mann. Er ist gehüpft und gesprungen wie ein Flummi, super ausgelassen – und das in einer Kirche, er ist unübersehbar. Da ist Energie und Bewegung.

Dann noch eine Jugendliche, die sich auf die Stufen zum Altar setzt. Sie setzt sich in die Mitte, sie ist erkennbar und doch wirkt in sich gekehrt und ruhig. Dabei ist sie ganz entspannt. Als nächstes tritt ein Jugendlicher auf. Er hat etwas zum Zeichnen dabei, Papier und Stifte. Er betrachtet die Altarblumen, da kommt ihm eine Zeichenidee, er legt los. Nach einem kurzen Moment ist er ganz im Arbeiten versunken, man spürt, wie er seine Ideen umsetzen will.

Zuletzt eine junge Frau. Sie kommt nach vorne. Sie öffnet ihren Geigenkasten, legt Noten vor sich auf den Ständer, hält einen Moment inne und beginnt, etwas vorzuspielen. Nach zwei Minuten endet ihr Minikonzert, sie packt wieder alles ein und setzt sich. Sie hat sich was getraut, sie hat viel von sich gezeigt. Denn das braucht schon Mut, sich vor andere zu stellen, allein, und zu musizieren. Bestimmt hat sie das Stück vorher geübt, vielleicht spielt sie schon lange Geige. Doch wir wissen auch von berühmten Musikerinnen und Musikern: die Aufregung bevor sie auf der Bühne spielen, geht nie ganz weg.

Fünf Menschen, fünf Beispiele sich vor anderen zu zeigen. Ganz unterschiedlich von kaum wahrnehmbar bis unübersehbar. Von sich ganz frei fühlen bis sich gar nicht trauen, in Erscheinung zu treten und von anderen gesehen zu werden.

 

Was hat das mit unseren Masken zu tun? Hat jemand von denen, die wir gerade gesehen haben, eine Maske getragen? Eine Maske, um sich zu schützen? Um sich nicht zu zeigen? Ich meine: Wir tragen viele Masken in unserem Leben! Ich trage selbst eine Schutzmaske, wenn ich einkaufe. Solche Masken sind gut, weil sie uns schützen. Nicht perfekt, manche sind besser, manche sind schlechter.

In vielen Berufen tragen Menschen Masken, schon bevor wir alle Schutzmasken tragen. Sie helfen Ihnen, weil sie sonst zu viel Staub oder Schadstoffe einatmen würden. Menschen in Kliniken tragen welche, weil sie mit Patient*innen zu tun haben, die gefährdet sind. Schutzmasken, Atemmasken – gut, dass es sie gibt.

Doch: wer sagt „Ich mag meine Masken so gern tragen, ich kann mit ihr viel besser atmen, mein Leben ist durch sie viel schöner und wertvoller geworden. Am liebsten trage ich immer Masken.“

Ich kenne niemand, die oder der so etwas sagt. Ich selbst bin froh, wenn ich meine Schutzmaske vom Gesicht nehmen kann, wieder freier atme, wenn ich vom Einkaufen komme.

Wir tragen nicht nur äußere Masken. Wir tragen sie zum Beispiel, wenn wir unsicher sind, wie die schüchterne junge Frau. Bei ihr war das sichtbar, dass sie unsicher war, lieber wenig von sich zeigen wollte. Vielleicht wäre sie gerne viel aktiver gewesen. Vielleicht träumt sie davon, einmal so mutig zu sein, wie die Geigenspielerin und ihre Talente zu zeigen.

Sind wir nicht alle Meisterinnen und Meister darin, unsere eigene Unsicherheit, unser Unwohlsein, unsere Traurigkeit zu verbergen? Zu verbergen hinter einer Maske der Stärke, einer Maske von Schweigen, einer Maske von Lächeln?

Gestern hat mir ein Freund einen cartoon geschickt, er ist selbst Vater zweier junger Kinder: zwei Köpfe sind zu sehen, neben einem steht in der Sprechblase: Papa nach außen: mir geht es gut!

In den anderen Kopf sind seine Gedanken und Gefühle geschrieben: behalte ich meine Arbeit? Bin ich genug für die Kinder da? Werden meine Magenschmerzen wieder besser? Macht mein Chef mir wieder Ärger? Kommen meine Frau und ich uns wieder näher? Viel geht ihm durch Kopf und – nach außen sagt er „mir geht es gut, danke!“.

Wünschen wir uns nicht ohne solche Masken freier atmen, lachen, ausgelassen, bei uns sein zu können? So wie die jungen Leute, aus dem Anspiel. Der Ausgelassene, der hüpft und springt? Die Ruhige, die bei sich ist? Der Kreative, der ganz in seiner Arbeit versunken ist? Die Musikalische, die sich auf die Bühne traut?

Wenn wir eine Maske ablegen und uns zeigen, dann ist das nicht ungefährlich. Die Maske, sie schützt uns, wir können uns hinter ihr verstecken. Denn wir machen uns verletzlich, wenn wir uns zeigen, vor allem von unserem Inneren. Zum Beispiel werden wir vielleicht komisch angeschaut, albern sind, Quatsch machen. Wenn wir anders sind, als wir bekannt sind. Was ist denn mit dem heute los? So kennen wir ihn gar nicht? Oder wenn wir auf die Frage „Wie geht es?“ offen und ehrlich antworten. Schade, oder? Dass wir oft meinen, uns hinter Masken verbergen müssen. Nicht mehr Seiten, unbekanntere Facetten von uns zeigen.

Wie schnell geht es in der Schule: da zeigt eine Schülerin ihr großes Talent, das sie geschenkt bekommen hat, oder sie besonders schlau ist, schon heißt es „Streberin“. Schade, oder?

Masken schützen uns, ja, unbedingt, wir brauchen sie. Doch manche tragen wir an den falschen Stellen. Wäre das nicht wundervoll, wir könnten voller Vertrauen maskenloser leben? Ohne die vielen Schutzmasken in unserem Kopf, vor unserem Herz? Für mich gibt es einen ganz wichtigen Ort, wo ich meine Masken ablegen kann, wo ich das übe: in der Stille, im Gebet. Vor Gott brauche ich keine Masken, da kann ich zuerst aussprechen, was in mir los ist. Wie wohltuend. Gott hilft mir, meine Masken einmal abzulegen.

Nicht ohne Masken, aber maskenloser leben: Dazu braucht es Mut, ich weiß und mir fehlt er leider auch oft genug. Dennoch habe ich erlebt: das tut gut, es steckt andere an, selbst Masken abzulegen, freier zu werden. Wie Jesus es in der Bergpredigt sagt „Stellt Euer Licht nicht unter den Scheffel!“ Wenn wir unser Licht nicht verbergen, dann wird Gottes Glanz in uns und aus uns allen scheinen, denn wir sind alle Gottes geliebte Kinder.

Ihr Pastor Claus Nungesser

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