Veröffentlicht von Angela Walther am So., 14. Jun. 2020 13:16 Uhr

Andacht To Go/ Predigt vom 14.6.2020

 Liebe Gemeinde,

unser Predigttext beschreibt das Leben der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem. Ich lese aus der Apostelgeschichte aus Kapitel 4,32-37: 

Die Menge der zum Glauben Gekommenen war ein Herz und eine Seele und niemand sagte von irgendetwas, das er oder sie besaß, dass es Privateigentum sei, sondern sie teilten alles, was sie hatten. Mit großer Macht legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn; und großes Wohlwollen lag auf ihnen allen. Es litt doch auch niemand Mangel unter ihnen. Alle nämlich, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften sie, brachten die Verkaufserlöse herbei und legten sie den Aposteln zu Füßen. Es wurde einzeln zugeteilt, je nachdem jemand Not litt. Josef, der von den Aposteln den Beinamen Barnabas bekommen hatte, was übersetzt ›Sohn des Trostes‹ heißt, ein Levit aus einer zypriotischen Familie, besaß einen Acker, verkaufte ihn, brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

Liebe Gemeinde,

auf einem Dorfplatz in Mecklenburg liegt ein großer Findling. „Vom Ich zum Wir!“ steht auf dem Stein eingemeißelt. Der Spruch zeugt von der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Unter dem Stein liegt der Versuch begraben, eine Gütergemeinschaft von staatlicher Seite zu verordnen. Mit dem Slogan „Junkerland in Bauernhand“ wurde das Land Großgrundbesitzern weggenommen und zunächst an Neubauern vergeben. Wenige Jahre später wurden sie in die LPGs, die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften eingegliedert. Niemand sollte mehr eigenes Land besitzen. Arm und Reich würde es nicht mehr geben, niemand würde Mangel leiden. So die Grundidee, die es auch schon unter den ersten ChristInnen in Jerusalem gegeben hat. Doch es gibt einen Unterschied: In der urchristlichen Gemeinde wurde auf Freiwilligkeit gesetzt. Der Predigttext berichtet, wie Menschen ihre Häuser und Ländereien aus eigenen Stücken verkauften und den Erlös den Aposteln zu Füßen legten. In der DDR verschaffte sich der Staat Land und Immobilien mittels Zwangsenteignung. Dem kommunistischen Regime sind darüber hinaus viele Maßnahmen anzukreiden, die es unternommen hat, um das „Vom Ich zum Wir“ durchzusetzen: Anstelle des angestrebten guten Miteinanders kam es zu Unfreiheit, Zwang, Überwachung und Strafen, bis hin zu Inhaftierungen. Es ist erschreckend, was aus einer eigentlich gut gemeinten Idee geworden ist.

„Vom Ich zum Wir“ diesen Satz impliziert „Weg vom Egoismus“ und „Hin zur Gemeinschaft, zur Solidarität, zur Hilfsbereitschaft“. Alles Werte, die auch uns ChristInnen wichtig sind. „Vom Ich zum Wir“, klingt doch so ähnlich wie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. „Ein Herz und eine Seele“ waren die zum Glauben Gekommenen, so beschreibt es die Apostelgeschichte. Ein bisschen mehr wie „ein Herz und eine Seele“ wünsche ich mir unsere Gesellschaft dieser Tage auch. Es häufen sich Medienberichte von Menschen, die einander anfeinden, Hassbotschaften schreiben oder in manchen Fällen sogar Gewaltbereitschaft zeigen. Liberale und Populisten stehen einander in vielen Ländern gegenüber. Rechte verbünden sich zu gemeinsamen Demonstrationen gegen die Coronaschutzmaßnahmen mit Verschwörungstheoretikern und besorgten Bürgern, polarisieren Menschen, Wut macht sich breit. Zugleich ist die Welt entsetzt über den grausamen und ungerechtfertigten Tod von George Floyd, dem seine Hautfarbe bei der Begegnung mit der Polizei zum Verhängnis wurde. Weltweit demonstrieren Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt. Doch der amerikanische Präsident geht gegen die Demonstranten vor, anstatt seine Bürger unabhängig von ihrer Herkunft besser zu schützen und hat dafür weltweit unzählige Anhänger. Ich wünschte es gäbe solche Vorfälle gar nicht, die Menschen erschüttert, entzweit, in zwei Lager teilt, die sich gegenseitig hassen und z.T. sogar mit Gewalt bekämpfen. Wie schön wäre es, die Menschen wären mehr ein „Herz und eine Seele“, weil jeder jeden im Blick hat und niemand meint, manche Menschen hätten eine größere Existenzberechtigung als andere. Zugleich spiegelt die derzeitige Lage in der Welt wieder, wie schwer es Menschen fällt, ein Herz und eine Seele zu sein. Und gleich werde ich skeptisch, wenn ich höre, den ersten ChristInnen soll dies gelungen sein. Kann es denn Gemeinschaft ganz ohne Konflikte und Streit geben? Eine, die dazu noch in Gütergemeinschaft lebt? Wenn es um Besitz geht, gelingt es manchmal selbst harmonischen Familien nicht, weiter ein Herz und eine Seele zu bleiben, zum Beispiel wenn der Erbfall eintritt. Mag ja sein, dass Josef Barnabas damals in Jerusalem bereitwillig seinen Besitz der Gemeinde spendete und einige andere idealistische Gläubige auch, aber „alle“? Für mich liegt der Verdacht nahe, dass es bei einem solchen System der Gütergemeinschaft leicht zum Missbrauch kommen konnte, nämlich indem auf die, die nicht mitziehen wollten, irgendwann doch ein Zwang ausgeübt wurde. Die auf den Predigttext folgenden Verse legen nahe, dass es dazu auch gekommen sein könnte. So hat sich die gelebte Gütergemeinschaft auch nicht lange in den urchristlichen Gemeinden gehalten. Aus den Paulusbriefen ist bekannt, dass die Jerusalemer Gemeinde schnell verarmt und dann auf Spenden aus Gemeinden anderer Städten angewiesen war. In einem pfingstlichen Rausch und der Erwartung, dass Jesus bald wiederkäme und das Weltende unmittelbar bevorstände, hatten manche ihren Besitz vermutlich zu voreilig veräußert. Auch die Harmonie des „Ein Herz und Eine Seele Seins“ aus den ersten Stunden der urchristlichen Gemeinde hat nicht angehalten. Aus den Paulusbriefen wissen wir, dass die ersten ChristInnen bald in verschiedene Streitigkeiten untereinander verwickelt waren.

Die Idee der Gütergemeinschaft unter den Glaubenden setzte sich im Christentum nicht durch. Nur Randgruppen kirchlichen Lebens strebten dieser Idee nach, zum Beispiel die Bettelorden des Mittelalters, die evangelischen Täufer und einige neuere Kommunitäten und klösterliche Gemeinschaften. Und auch bei diesen Mutigen, die sich an dem Ideal des bedingungslosen Teilens versuchten, zeigt sich, dass es auch nur wenigen gelungen ist. Die Bettelorden mussten sich im Spätmittelalter den Vorwurf der Besitzanreicherung anhören. Das Täuferreich in Münster, das seine Bewohner mit Zwang und religiös-missionarischem Übereifer zu vereinnahmen suchte, ist eines der erschreckendsten Beispiele dafür, wie die Idee der Gütergemeinschaft instrumentalisiert und missbraucht wurde. ChristInnen im ganzen Land und über die Grenzen hinaus waren entsetzt.

Und doch: An einer Idee, die so heftige Abwehr hervorruft und mit der sich über die Jahrhunderte immer wieder Menschen beschäftigen, muss etwas dran sein! Eine einträchtige Gütergemeinschaft zu realisieren ist schwer, das zeigt die Geschichte. Dennoch finde ich, kann es auch für uns ein Ziel sein, nach einem guten Miteinander und einer Gemeinschaft zu streben, in der Ressourcen geteilt werden, damit niemand schlimmen Mangel leidet. Doch alles in Freiheit. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,“ hat Jesus uns ans Herz gelegt. Liebe kommt aus eigenen Stücken. Liebe lässt sich nicht durch Zwang verordnen. Wer aus der Motivation seines christlichen Glaubens anderen etwas weiterschenken möchte, der soll es gern und freiwillig tun und nicht aus einem Zwang heraus. Und so sehe ich bei genauerer Betrachtung einen Unterschied zu dem anderen Satz des kommunistischen „Vom Ich zum Wir“. Die christliche Nächstenliebe, wie Jesus sie lehrte, erhebt nicht den Anspruch, dass das Ich im Wir ganz aufgeht oder gar in einem Kollektiv untergeht. Das Ich bleibt Ich, aber als Teil einer Gemeinschaft, in dem einer sich für die anderen einsetzt. Dabei ist das richtige Maß entscheidend. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, heißt nicht, den anderen mehr zu lieben, sondern genauso wie sich selbst. Um den anderen zu lieben und seine Bedürfnisse zu achten, muss ich auch auf mich selbst und meine eigenen Bedürfnisse acht geben.

Mir fallen viele Beispiele ein, wo Menschen anderen gern und freiwillig etwas abgeben. In der Heilig-Geist-Kirche ist ein Marktplatz der Begegnung entstanden, wo Dinge fast umsonst weitergegeben werden. Haushaltsartikel und Kleider mit Geschichte und oft ideellem Wert werden weitergegeben, an Menschen, die diese Dinge gut gebrauchen können. Ehrenamtliche verschenken ihre freie Zeit, um im Marktplatz mitzuarbeiten, damit niemand Mangel leidet. Auch in vielen anderen Bereichen unserer Gemeinde arbeiten Ehrenamtliche mit und setzen ihre Zeit für andere ein. Auch über unsere Gemeinden hinaus gewinnt der Gedanke, des Sharings, also des Teilens einen immer größeren Stellenwert. Teilen lassen sich Kleider, Autos, Bücher, Lebensmittel und sogar Fähigkeiten nach dem Motto: Ich repariere deinen Schrank, wenn du meine Gardinen nähst. Sicher fallen Ihnen noch weitere Beispiele ein, manche vielleicht aus eigener Erfahrung. 

Wer anderen etwas abgibt und selbst etwas wiedergeschenkt bekommt, ist ein reicher Mensch. Und in diesem Sinne kann die Botschaft des Predigttextes für mich heute gelten: Immer wieder zu fragen, wo ich persönlich anderen Menschen etwas von meinen „Ressourcen“ abgeben kann. Eigene Interessen dabei zurückstellen, und dennoch auf mich selbst achten. Ein Stück mehr vom „Ich zum Wir“ streben, ohne mich im Wir zu verlieren. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, hat Jesus gesagt. Mich selbst lieben und anderen im Rahmen meiner Möglichkeiten und Ressourcen Liebe weitergeben.

Amen.

Bleiben Sie behütet,

Ihre Pastorin Angela Walther

 

 

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