Veröffentlicht von Claus Nungesser am So., 31. Mai. 2020 12:34 Uhr

An Pfingsten gibt es in unserem Kirchenjahr wieder etwas zu feiern. Unser letztes großes Fest war an Ostern – das Fest des Lebens, der Auferstehung von Jesus Christus. Jetzt kommt das Pfingstfest, mitten im Frühling, auch ein Lebens- und Freudenfest.

Worüber können wir uns dieses Jahr an Pfingsten freuen? Als Pastor muss mir natürlich sofort einfallen: Gott schenkt uns seinen Geist! Gott wirkt in uns weiter, in denen, die Jesus Christus folgen wollen. Schon stocke ich: Was heißt das denn? 

„Geist Gottes“? Viele können damit nicht viel anfangen, Jesus war ein Mensch, es gibt Geschichten über und Worte von ihm. Wir nennen ihn „Gottes Sohn“. Aber Gottes Geist?

Schon die Bibel kennt unsere Fragen und antwortet darauf mit Bildern und Vergleichen. So versuchen die glaubenden Menschen der biblischen Zeiten, Gottes Geist zu beschreiben. Sie erzählen davon, wie Gottes Geist in der Welt und in Menschen wirkt. Mal wie ein sanfter Wind, mal wie ein Hauch, mal wie ein Sturm, mal verstehen wir uns und andere durch die Geistkraft besser …

Die Andacht unten bedenkt das Wort aus einem Brief des Neuen Testaments, das Sie auf der Kerze lesen: "Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit."

Bleiben Sie behütet! Ihr Pastor Claus Nungesser

Besonders brauchen wir in diesen Zeiten … 

Wie führen Sie solch einen angefangenen Satz weiter, in diesen außergewöhnlichen Tagen und Wochen?

Vor wenigen Wochen hätten viele Menschen weitergemacht mit „… Toilettenpapier, Mehl und Hefe.“ Darüber habe ich damals etliche Witze, Cartoons und veralbernde Video gesehen, weil ich es selbst amüsant fand, was da so um mich herum passiert. Die anderen mal wieder. Bis ich dann selbst, natürlich nur zur Sicherheit, denn wir hatten „eigentlich“ noch genug, doch eine Packung Toilettenpapier kaufen wollte. Nix mehr da, in mehreren Supermärkten. Mein zaghafter Blick ins Mehlregal derselben Märkte - genauso große Leere. Nun spürte ich in mir doch leichte Nervosität, wie lange es uns zu Hause noch reichen würde? Aber nein, ich lasse mich doch von solchen Hamsterkäufen nicht anstecken… als ich dann in einem kleinen Supermarkt auf Nachfrage zwei Packungen Mehl bekam, war ich erleichtert.

Meine Güte, was ist nur mit mir los? Vom Verstand her weiß ich, dass nicht nur Viren ansteckend sind, sondern auch menschliches Verhalten. Es müssen nur genügend andere das Gleiche tun, am besten noch Freunde und Bekannte, dann macht das was mit uns – Herdenverhalten und ich bin auf einmal, ehe ich mich versehe, Mitglied dieser Herde.

Als ich das Mehl zu Hause zu den vier anderen Packungen stellte (wann werde ich jemals so viel backen?), viel mein Blick auf die kleine Kerze, die auf der Titelseite zu sehen ist. Wir haben Sie als kleines „Willkommen“ allen mitgegeben, die seit Mitte Mai unsere Gottesdienste besuchen. Ich dachte nach über dieses Wort, das vom Geist Gottes spricht. Ja, von diesem Geist brauche ich offensichtlich mehr… und könnte das nicht für unser aller Leben gelten?

Besonders brauchen wir in diesen Zeiten … in denen so Vieles so schnell weggebrochen ist; in denen so rasch so große Furcht über uns kam, nicht allein vor Ansteckung, Krankheit, Sterben, auch vor Verlust von Arbeit, vor Entzweiung, vor weiterer Radikalisierung.

Besonders brauchen wir in diesen Zeiten Gottes Geist, durch dessen Kraft wir liebevoll und besonnen bleiben können. So führe ich diesen Satz heute weiter, angeregt durch das Bibelwort der kleinen Kerze.

Besonnenheit, ein altes Wort, von seiner Bedeutung nahe an der Gelassenheit. Gelassenheit nimmt die emotionale Seite auf, eine innere Ruhe, die ich habe. Besonnenheit betont die rationale Seite, ich denke gründlicher, langsamer nach, lasse mich nicht zum überstürzten Handeln hinreißen, aus Furcht zum Beispiel.

Gelassenheit und Besonnenheit gehören zusammen und stärken sich. Wenn ich in mir ruhig bin, in einer guten Balance bin, dann überlege ich besonnen, kann mein Verstand gut arbeiten, treffe ich bewusste Entscheidungen. Und umgekehrt: Wenn ich mich besonnen informiere, was ich tun kann, damit ich mich nicht anstecke, wie ich mich gut schützen kann, dann macht mich das ruhiger. Ich weiß dann, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass ich bei windigem Wetter draußen, wenn ich alleine spazieren gehe, so gut wie ausgeschlossen ist, dass mich ein Virus befällt.

Wir vertrauen in Krisen eher Menschen, zum Beispiel politischen Entscheiderinnen und Entscheidern, die wir als besonnen wahrnehmen. Dazu gehört, dass wir in einer Sprache von Ihnen über Maßnahmen und auch Einschränkungen informiert werden, die klar und dennoch zugewandt ist. Wir erleben hier große Unterschiede zwischen führenden Politikern und Politikerinnen verschiedener Länder. Ich mag es da gerne nüchterner und dennoch so, dass ich denke, ich werde auch in meinen Befürchtungen ernst genommen. Den richtigen Ton für möglichst viele Menschen treffen – da braucht es Geistesgegenwart.

Eine Sprache, die Worte vermeidet, die polarisieren oder übertrieben wirken, ohne zu verharmlosen. Das ist alles andere als einfach, das merke ich bei meinem eigenen Sprechen, wie schnell ich manchmal zu scharf und nicht ausgewogen rede. Doch es lohnt zu überlegen, welche Worte ich wähle. Besonnen sprechen zu können ist ein Geschenk, weil es anderen wohltut. Ich erlebe in manchen Medien und bei zu vielen 

Menschen leider oft etwas ganz anderes. Eine Sprache, die verschärft, die übertreibt, die roh ist und Menschen in Unruhe bringt. „Die große Gereiztheit“ so lautet der aktuelle Buchtitel eines Medienwissenschaftlers. Darin untersucht er, wie sich die dauernde Beschallung mit Fake-News-Panik, Skandalen, Kampagnen und Gerüchten auf uns auswirkt. Wir werden gereizter und viel furchtsamer, wenn wir uns dem aussetzen. Ganz entziehen können wir uns nicht, das spüre ich am eigenen Leib.

Deshalb sind in Zeiten der Krise besonnene und gelassene Menschen so wichtig. Wenn Gottes Geist ein Geist der Besonnenheit ist, dann meint das nicht, dass dieser Geist alles an mir abprallen lässt und mich nichts mehr berührt. Das wäre dann kein Geist der Liebe und des Mitgefühls mehr. Vielmehr lässt mich die Kraft des Geistes klarer, ruhiger, durchdachter reden und handeln, zum Wohl der Welt.

Für mich zeigt sich das auch an der Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte, die wir jedes Jahr zu Pfingsten im Gottesdienst hören. Von den dort erzählten Pfingstwundern ist für mich das größte Wunder, dass sich Menschen, fremde Menschen, auf einmal verstehen. Sie verstehen sich, obwohl sie ganz unterschiedliche Muttersprachen haben. Sind das nicht mit die größten Momente? Wenn wir den Eindruck haben, endlich einmal verstanden zu werden? Dass ich mich selbst besser verstehe, andere mich verstehen, nachempfinden, wie es mir geht? Das kann gelingen, wenn ich mit mir und anderen liebevoll und besonnen, statt hart, im Affekt oder aus Furcht rede. Wenn ich mir Zeit nehme, besonnen zuhöre und langsam spreche. Der Heilige Geist befähigt uns zu einer neuen Sprache. Die Weisheit Gottes, wenn wir uns ihr öffnen, lässt unsere Furcht schrumpfen, wir werden ruhiger, die Kraft Gottes wächst in uns. Jedes Pfingstfest dient dazu, uns an dieses Wunder zu erinnern und zu rufen:

Komm‘ Heiliger Geist, wir brauchen Dich – zu allen Zeiten.

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