Veröffentlicht von Angela Walther am Sa., 23. Mai. 2020 14:11 Uhr

Seit dem 17. Mai feiern wir wieder Gottesdienste in der Christuskirche. Doch nicht alle können oder möchten in diesen Tagen der Corona-Zeit schon wieder daran teilnehmen. Für die, zu Hause bleiben, gibt es weiterhin eine Andacht To Go mit der Sonntagspredigt, die in der Christuskirche gehalten wird. Sie wird ab sofort immer am Sonntag an den drei Gemeindezentren ausgehängt/ausgelegt und auf die Homepage gestellt.

Predigt zum Sonntag Exaudi, 24.5.2020

 Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen. 

Liebe Gemeinde,

was ist eigentlich gerade erlaubt und was nicht? Das frage ich mich jeden Tag neu, denn fast jeden Tag ändert sich irgendeine Regel. Kürzlich rief mich meine Mutter aus Lübeck an und erzählte hoffnungsvoll: In Lübeck sei kaum noch ein neuer Coronafall aufgetreten. Daher dürften jetzt Großeltern, auch wenn sie der Risikogruppe angehören, ihre Enkel wieder sehen. Wie das in Bremen ist? Spontan bin ich mir gar nicht sicher. Ich muss googeln. Steht einem Besuch bald nichts mehr im Wege? Ich zögere. Das eine ist ja das, ob es erlaubt ist. Das andere ist, wie wir uns selbst entscheiden. Nach einigem Abwägen waren wir uns einig: Wir wollen noch abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Würden wir meine Eltern anstecken, sollten wir uns unbemerkt mit Corona infiziert haben, würde ich mir bittere Vorwürfe machen. Manche Familien entscheiden aus guten Gründen anders, nämlich, dass sie sich schon wieder treffen. Oft ist die Entscheidung nicht einfach: Was ist höher zu gewichten? Der Wunsch nach persönlichem Kontakt oder der Schutz der Gesundheit seiner Lieben? „Ja, lieber Gott“, so könnten wir hier im Gottesdienst einmal fragen, „Wie siehst denn du das? Welche Entscheidung wäre denn in deinem Sinne?“ Doch Gott gibt selten eindeutige Antworten. Vielleicht gibt es gar nicht die eine richtige Entscheidung, jede Familiensituation ist anders. Auch in anderen Bereichen sind derzeit Entschlüsse zu fällen. Mancher Arbeitnehmer muss entscheiden: Weiter Homeoffice, ja oder nein? Reiselustige und Erholungsbedürftige fragen sich: Sommerurlaub trotz Corona ja oder nein? Eltern überlegen: Spielplatzbesuch für die Kinder ja, oder lieber noch abwarten? Bei all den Entscheidungen reicht es nicht, allein an die Selbstverantwortung zu appellieren. Immer sind indirekt andere mitbetroffen, denn wenn ich mich anstecke, kann ich das Virus an andere weitergeben. Es geht damit um ethische Fragen. Immer gibt es Gründe, die dafür und welche, die dagegen sprechen. Das macht die Sache kompliziert. Es ist ein Abwägen, ein Ausloten. Viele Menschen sind unsicher. Wie hilfreich wäre es doch, wenn Gott ein wenig helfen könnte bei den Entscheidungsfindungen!

In unserem alttestamentarischen Predigttext bekommen wir die Zusage, dass Gott sein Gesetz ins Herz der Menschen schreiben will. Gottes Gesetz meint im Alten Testament die Vielzahl von Gesetzen und Vorschriften, die das Leben im alten Israel regelte. In unserem Predigttext verspricht Gott einen neuen Bund und in diesem neuen Bund stehen seine Gesetze nicht mehr in irgendwelchen Verordnungen. Gottes Gesetze sollen direkt in das menschliche Herz geschrieben sein. Wie würde das auch manchen Menschen ihre Entscheidungen erleichtern. Ich lese den Bibeltext aus Jer. 31,31-34:

 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR:

Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

Die Worte überliefert der Prophet Jeremia an das Volk Israel und Juda. Das biblische Volk machte auch gerade eine Krise durch. Es hatte seine Heimat verloren, war ins Exil nach Babylon geführt worden. Das Gotteshaus, der Tempel, war zerstört. Die Israeliten konnten nicht, wie wir jetzt wieder, Gottesdienste im vertrauten Raum feiern. Das gewohnte Leben war komplett aus den Fugen geraten. Die Zukunft schien ungewiss. Das Volk Israel erlebte noch viel größere Unsicherheiten als wir heute.

Einst hatte Gott einen Bund mit dem Volk geschlossen und damit seine gute Beziehung zu den Menschen besiegelt. Doch mit dem Bund waren Pflichten verknüpft. Nicht alle hatten sich nicht an die Gesetze gehalten. Nun war das Unglück hereingebrochen. Die Menschen fragten: „Hat uns Gott verlassen?“ In diese Situation hinein spricht Gott: Nein, ich habe euch nicht verlassen. Im Gegenteil! Ich will sogar einen neuen Bund mit euch schließen. Und dieser Bund soll sein wie eine gute Ehe. Ein Vertrag zwischen zwei Seiten, die sich lieben, zwischen mir und euch. Und weil wir uns so lieb haben, brauchen wir keine Gesetzestexte und schriftlichen Verhaltensregeln mehr. Tief in eurem Herzen sollt Ihr spüren, was mein Wille ist. Aus Liebe zu mir sollt Ihr gern danach handeln.

In unserer Taufe hat Gott uns zugesagt, dass wir in seinen neuen Bund mit hineingenommen sind. Doch gerade in diesen Tagen habe ich das Gefühl, es liegt noch ein weiter Weg vor uns, bis wir alle Gottes Gesetz in unseren Herzen verinnerlicht haben. Vielleicht haben Sie es in den Medien verfolgt: Christinnen und Christen in unserer Stadt Bremen streiten sich. Da sagt der konservative Pastor der St. Martinigemeinde herabwürdigende Dinge gegenüber gleichgeschlechtlich Lebenden, diskriminiert Homosexuelle als Verbrecher und würdigt sie als sündig herab. PastorInnen und Pastoren Bremens und der kirchliche Mitarbeitende sind entsetzt. Auch wir in unserer Gemeinde haben uns klar von den Äußerungen des Martinipastors distanziert. Sein Gottesbild widerspricht dem unsrigen. Wir glauben, dass Gott Liebe ist und dass wer die Liebe lebt, in Gott bleibt und Gott in ihm. So steht es im 1. Johannesbrief, so ist es auch auf dem Regenbogenbanner abgedruckt, das an unserem Kirchturm hängt. Liebe, die gegenseitig erwidert wird, tut niemandem weh. Im Gegenteil, sie macht zwei Menschen glücklich, ist ein Gottesgeschenk. Evangelikal-Konservative wiederum nennen uns lasch und werfen ähnlich denkenden Pastoren wie mir vor, wir wären gar nicht richtig gläubig. In der Prophezeiung des Jeremia heißt es: „Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR.“ Irgendwann soll es keinen Streit zwischen Christinnen und Christen mehr darum geben, was Gottes Wille ist. Ich glaube, dass es nicht Gottes Wille sein kann, wenn Menschen diskriminiert werden, sondern dass er uns bunt und vielfältig geschaffen hat. Ich glaube, Gott spricht auch zu uns, dass wir alle gleichermaßen, so wie wir sind, in seinen Bund hineingenommen und von ihm geliebt sind. Die Theologieprofessorin Corinna Dahlgrün hat einmal gesagt: Wenn Gott (im Herzen) spricht, dann dient das, was er sagt, der Gemeinschaft. Gleichzeitig ruft Gottes Wort positive Empfindungen hervor: Liebe, Freude, Ruhe, Frieden, Langmut. Ich drücke es mal so aus: Von Gott kommt nur, was den Menschen dienlich ist. Was Menschen schadet, stammt nicht von Gott.

Auch bei unseren Entscheidungen in der Coronazeit können wir danach fragen: Was dient dem Menschen? Wie sehr leidet ein älterer Mensch, der von seiner Familie isoliert ist? Ist ihm möglicherweise mehr dadurch gedient, wenn er menschliche Nähe geschenkt bekommt, als wenn er zum Eigenschutz allein bleiben muss und täglich weint? In aller Unsicherheit allem Abwägen, was richtig ist, sind wir aber nicht allein. Gottes Wille ist nicht immer deutlich, aber wir können Gott in unser Entscheiden mit einbeziehen. Im Gebet dürfen wir ihm von unseren Überlegungen erzählen. Wir können ihn bitten, dass er uns hilft, die Gedanken zu ordnen und die Prioritäten zu setzen. Und in besonderen Momenten ist sie dann doch spürbar, die Handschrift Gottes in unseren menschlichen Herzen: Da fühlt sich eine Frau auf ihrem Spaziergang an einem Frühlingsabend plötzlich Gott sehr verbunden. Die Sonne taucht den Himmel in ein rötlich goldenes Licht, davor das frische Grün an den Zweigen der Bäume. Auch dieses Jahr hat Gott die Natur zu neuem Leben erweckt. Nein, Gott hat uns nicht verlassen. Auf einmal wiegen die Grübeleien, die sie sich tagsüber gemacht hat, weniger schwer. Der Knoten in ihren Gedanken löst sich. Sie weiß jetzt, was sie tun wird.

Manche Menschen erleben in diesen Tagen Entschleunigung. Es gibt weniger Termine, kaum gesellschaftliche Verpflichtungen. Da bleibt mehr Raum für Gott. Auf seine Stimme zu lauschen. Bei allen Einschränkungen die Kleinigkeiten zu bemerken, die Gott uns schenkt. Die anderen um uns herum wahrzunehmen mit ihren Ängsten, ihren Sorgen, ihren Bedürfnissen. Für sie zu beten und mit Gottes Hilfe abzuwägen, was für sie zu tun jetzt das Richtige ist.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Bleiben Sie behütet und bewahrt,

Ihre Pastorin Angela Walther 

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