Veröffentlicht von Angela Walther am Fr., 8. Mai. 2020 17:13 Uhr

„Ihr Lieben, lasst uns untereinander lieb haben, denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist aus Gott geboren und kennt Gott.“ 1Joh 4,7

Liebe Gemeinde,

wenn ich heute am Muttertag diese biblischen Worte aus dem 1. Johannesbrief lese, denke ich als erstes an meine Mutter. Ihr habe ich viel zu verdanken. Wie viel kann ich erst richtig ermessen, seit ich selbst Mutter bin. Ich hatte ja keine Vorstellung davon, wie sehr einen eigene Kinder rund um die Uhr fordern, selbst nachts! Sie sind ein großes Glück, aber zugleich auch eine große Aufgabe. Ähnlich wird dies meine Mutter mit mir auch erlebt haben und noch immer ist sie für mich da. Wenn ich sie brauche, stellt sie anderes hintenan, um mir zuzuhören und mich zu unterstützen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Die Dankbarkeit überwiegt alles andere. Selbst manchen ungewollten Ratschlag zur Kindererziehung kann ich ihr nicht lange übel nehmen.

Ich mag die Bibelworte aus dem ersten Johannesbrief. „Lasst uns untereinander lieb haben“. Das sagt mir mehr zu als die Aufforderung von Jesus, seine Mutter und seinen Vater um des Evangeliums willen zu verlassen. So taten es die ersten Jünger: Um Jesus durchs Land zu folgen, ließen sie ihre Eltern zurück und damit auch manche soziale Pflichten. Bestimmt waren die Eltern der Jünger traurig. Doch wenn ich es recht bedenke, waren auch meine Eltern ein wenig traurig, als ich nach Bremen ging. Lieber hätten sie mich dichter in ihrer Nähe behalten. Doch hier in Bremen habe einen Vikariatsplatz und später auch eine Stelle als Pastorin bekommen. Trotzdem hat es sich nie so angefühlt, als hätte ich meine Eltern dadurch verlassen. Meine Heimatstadt Lübeck ist nur zweieinhalb Autostunden entfernt. Wir konnten uns oft sehen. Bisher. Das ist mit der Corona-Pandemie nun anders. Seit zwei Monaten fühlt sich Lübeck wie unerreichbar weit weg an. Um einfach kurz hinzufahren, um den Einkauf zu erledigen und den Eltern über den Zaun zu winken, dafür ist die Strecke zu weit. Das schmerzt. Wie vielen anderen mag es ähnlich gehen? Gerade am Muttertag…

„Ihr Lieben, lasst uns untereinander lieb haben.“ Ein ernstgemeinter Dank an die eigene Mutter ist ein Zeichen der Liebe. Die Worte im 1. Johannesbrief beschreiben aber nicht nur die Liebe zur Mutter. Warum eigentlich nur der Mutter Danke sagen und nicht auch dem Vater? Immer mehr Väter leisten schließlich auch einen großen Beitrag beim Umsorgen der Kinder, wechseln Windeln, bringen die Kleinen ins Bett, backen mit ihnen Kuchen, spielen Fußball, üben Mathe, Kochen das Mittagessen und schrubben die Küche. Und warum nicht auch den Großeltern danken, den Tanten, Onkeln, PatInnen, FreundInnen, ja allen, die für einen da sind? Besonders in diesen Tagen sind das oft auch NachbarInnen oder Menschen aus der Gemeinde, die ihre Hilfsbereitschaft anbieten, denn oft ist die Familie nicht vor Ort.

„Ihr Lieben, lasst uns untereinander lieb haben.“ Es ist doch gut, dass sich der biblische Satz von der Liebe nicht nur auf die Mutter bezieht. Nicht jede/r hat eine gute Beziehung zu seiner Mutter. Nicht jede Mutter wird am Muttertag mit einer Aufmerksamkeit bedacht. Manchmal ist es anders, als man es sich vielleicht wünscht. Mutter und Kind haben den Kontakt zueinander verloren. Versöhnung scheint oft nicht möglich. Und selbst wenn die zerbrochene Beziehung wieder zusammenwächst, braucht dies Zeit und Geduld. Wie gut, wenn es außer der Mutter noch andere Menschen gibt, die ihre Zuwendung verschenken.

„Wer liebt, ist aus Gott geboren,“ heißt es im 1. Johannesbrief. Gott ist also wie eine Mutter, wie eine gute! Eine gute Mutter verzeiht Fehler. Sie liebt ihr Kind mit seinen Stärken und seinen Schwächen und vor allem vermittelt sie eines: Wie es geht, Liebe zu üben. Gott lehrt uns die Liebe wie eine gute Mutter. Das ist ein schöner Vergleich, finde ich! So oft wird Gott in der Bibel mit männlichen Attributen beschrieben, doch hier wird seine weibliche Seite betont: das Erlernen der Liebe als Geburtsvorgang. Jede Liebe, die wir geben, verbindet uns mit Gott, denn die Liebe geht von ihm aus. Gerade in schwierigen Zeiten schweißt sie uns zusammen.

In der Liebe, die wie mit anderen erleben, bekommen wir eine Ahnung davon, wie Gott zu uns ist. Dass er es gut meint mit uns. Ich hoffe dass jede/r, der/die dies liest, jemanden hat, von dem er/sie Liebe und Zuneigung erfährt. Vielleicht die eigene Mutter, der Vater, Verwandte, gute Freunde, treue Wegbegleiter. Es mag sein, dass sich viele der Lieben in diesen Tagen wie „weit entfernt“ anfühlen. Aber nur räumlich. Wo ein Besuch in einer anderen Stadt nicht möglich ist, wo sich selbst nahe beieinander Lebende nur zuwinken können, da mag das Gefühl der Verbundenheit umso stärker empfunden werden. Es erwächst aus der Sehnsucht nach dem Wiedersehen, nach einem kräftigen Händedruck, einer Umarmung, einem Kuss. Dass dies momentan nicht möglich ist, lässt uns spüren, wie viel wir einander bedeuten. Ich glaube, viele Beziehungen werden daran wachsen, Freundschaften sich vertiefen, besonders in diesen Tagen. Heute am Muttertag ist eine besondere Gelegenheit einander „Danke“ zu sagen, nicht nur der eigenen Mutter!

Lasst uns beten und Fürbitte halten!

Gott, liebende Mutter und treusorgender Vater,

wir bitten dich für die Menschen, die keine Mutter mehr haben, weil sie schon gestorben ist. Wir bitten dich für die, die dieser Muttertag daher mit Traurigkeit erfüllt. Bei manchen kommen heute viele Erinnerungen an ihre Mutter hoch. Lass das Nachsinnen an die vergangene gemeinsame Zeit gesegnet sein.

Wir bitten dich für Eltern, die schwer daran zu tragen haben, dass ihre Kinder den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben. Hilf denen, die die Liebe und Zuneigung ihrer Kinder schmerzlich vermissen. Steh den Eltern bei, wenn sie grübeln, was sie falsch gemacht haben.

Gott, wir bitten dich auch für Kinder, die darunter leiden, dass die Beziehung zu ihren Eltern nicht gelingt. Wir denken an junge Erwachsene, die sich mehr Verständnis wünschen, so angenommen zu werden, wie sie sind.

Gott wir bitten dich, mach eine Annäherung möglich zwischen Menschen, die sich entzweit haben. Schenke ihnen Geduld. Hilf, dass die Bereitschaft zur Versöhnung auf beiden Seiten wächst.

Wir bitten dich, Gott, für Menschen, die einander nahe stehen, sich aber wegen der Corona-Pandemie nicht sehen können, für alle, die ihre Lieben schmerzlich vermissen. Hilf, dass sich die Bindungen gerade in schwierigen Zeiten als tragfähig erweisen.

Wir bitten dich für Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen müssen. Schenke ihnen für die Herausforderungen des Alltags gute Nerven, viel Geduld, Nachsicht, Kraft und eine Prise Humor. Hilf, dass sie die schönen Momente mit ihren Kindern trotz der Belastung genießen können.

Gott, wir bitten dich für Pflegekräfte in Seniorenheimen, die momentan viel Kummer auffangen müssen. Sei du bei den Bewohnerinnen und Bewohnern, die in ihren Zimmern bleiben müssen und bei den Angehörigen, die ihre Lieben bald wieder in den Heimen besuchen möchten. Wir bitten dich, dass ihre Bedürfnisse beachtet werden. Schütze zugleich das Leben der Menschen.

Wir bitten dich für Menschen, die durch die Corona-Pandemie in Existenznot geraten sind, sei es, weil sie ihren Job verloren haben, Insolvenz anmelden müssen, oder einfach nicht mehr weiterwissen. Wir bitten dich, zeige ihnen neue Wege, schenke ihnen Mut und Hoffnung.

Auch für alle Kranken bitten wir dich. Schenke ihnen Genesung. Lass die, die in Quarantäne und Isolation bleiben müssen, trotz der Einschränkungen Liebe und Zuwendung erfahren.

Gott, wir bitten dich für alle, die noch nicht genannt sind, aber ein Gebet brauchen.

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Bleiben Sie behütet, gesegnet und bewahrt!

Ihre Pastorin Angela Walther 

Kategorien Neues aus der Gemeinde