Veröffentlicht von Niko Krause am So., 22. Mär. 2020 10:00 Uhr

Liebe Brüder und Schwestern,

die Passionszeit ist für viele Christ/innen eine Zeit, um in sich zu gehen und das eigene Verhalten zu hinterfragen. So auch in unserer Gemeinde: Annette Niebuhr und Roswitha Rotzoll begleiten eine Gruppe aus der Gemeinde durch die Exerzitien im Alltag, Claus Nungesser und Michael Lütge luden zu einer Gesprächsreihe über die sieben Todsünden in der Bibel ein. Doch dann kam alles anders: Die steigenden Infektionszahlen mit dem Coronavirus zwangen den Kirchenvorstand, alle Veranstaltungen in der Gemeinde bis auf Weiteres abzusagen – nur die Gottesdienste sollten zunächst weiter stattfinden. Auf Anweisung des bremischen Senats ist nun auch das nicht mehr möglich.

Während der Passionszeit verzichten viele Menschen auf eine „moderne“ Sünde, bei der Aktion „Sieben Wochen ohne“: 7 Wochen ohne Süßigkeiten, 7 Wochen ohne Auto, 7 Wochen ohne Zigaretten – letzteres gern beibehalten; und jetzt: 7 Wochen ohne Gottesdienst? Eine Horrorvorstellung.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag „Lätare“ steht im 66. Kapitel des Buchs Jesaja und umfasst die Verse 10-14:

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Oft wünscht man sich in schwierigen Situationen Nähe, Gemeinschaft, Wärme. Doch die Corona-Krise erfordert in vielerlei Hinsicht ein Umdenken: Aktuell gilt zur Eindämmung des Virus: Zuhause bleiben, Abstand halten. Wir sollten auf persönliche Kontakte verzichten und stattdessen die zahlreichen Möglichkeiten nutzen, die uns die moderne Technik bietet, um uns gegenseitig Kraft und Stärke für die kommende Zeit zu wünschen. Aktuell zeigt man seinen Mitmenschen, dass man sie lieb hat und wertschätzt, indem sie sich von ihnen fernhält – unfassbar, doch unumgehbar, um eine Eskalation der Lage und italienische Verhältnisse zu verhindern. Um es mit einem – geringfügig abgewandelten – Satz aus dem Predigttext auszudrücken: Ich will euch trösten, wie einen Gott tröstet – Gott umarmt uns nicht, Gott küsst uns nicht, sondern Gott hört aus der Ferne auf unseren Dank und unsere Bitten. Gottes Hand ist nicht sichtbar, nicht spürbar – und dennoch wirkt sie in unserer Mitte.

Niemand kann wissen, wie lange die Einschränkungen andauern werden. Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Forscher/innen, die Impfstoffe und Medikamente gegen das Virus entwickeln, bei den Erkrankten, den Mediziner/innen und den Pfleger/innen, die sich um sie kümmern. Ganz besonders denken wir auch die Menschen in der Vahr, die von den Auswirkungen der Krisenmaßnahmen betroffen sind, weil sie die Betreuung ihrer Kinder organisieren müssen oder weil sie momentan noch einsamer sind als sonst. Die Zuversicht, dass Gott uns auch unter widrigen Umständen beisteht, lässt uns zumindest ein kleines bisschen von der österlichen Vorfreude spüren, die der Predigttext vermitteln möchte.

Lasst uns das Motto der diesjährigen Fastenaktion „7 Wochen ohne Pessimismus“ zu Herzen nehmen und mit Gottes Hilfe die schwierige Zeit durchstehen, damit wir uns eines Tages wieder in den Arm nehmen, persönlich ins Gespräch kommen und die Klänge der Orgel hören können – wann immer dieser Tag sein wird. Hoffentlich eher als in sieben Wochen…

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