Veröffentlicht von Claus Nungesser am Fr., 15. Nov. 2019 08:44 Uhr

„Neuigkeiten von Claus Nungesser“, die wird es hoffentlich immer wieder einmal geben. Doch nicht mehr in diesem Blog, dessen Idee war, mich als „Neuen“ zu zeigen.

Man sagte mir, nach einem Jahr ende der „Welpenschutz“ und neu sei ich jetzt auch nicht mehr. Also Zeit für ein Adieu, ein Adieu als Neuling. Nun gut, dann ist das so. Ein letzter Eintrag hier. Zu welchem Thema? Aus der Gemeinde? Über die Gemeinde hinaus? Wie persönlich? Grübel, grübel.

Was mich von Anfang an umtreibt ist die künftige Entwicklung, meine eigene Zukunftsfähigkeit und die unserer Gemeinde. Wenn Entwicklung das übliche Fortschrittsdenken des immer mehr, immer besser, immer (vermeintlich) größer und schöner meint, dann meine ich, keine Entwicklung bei mir und uns zu sehen, jedenfalls keine positive. Wenigstens auf den ersten Blick.

Denn mit der Brille des Fortschritts betrachtet sieht es bei uns nicht gut aus. Nicht nur Stagnation statt Wachstum, sogar Rückgang. Weniger Gemeindeglieder, weniger Ressourcen, alternde Ehrenamtliche, die in den nächsten Jahren zu alt sein werden. Wenig Interesse bei jungen Menschen. Kirche hat kein gutes Image, gilt als angestaubt, langweilig, nicht hip. Wären wir als Gemeinde ein Lebewesen, dann haben wir unsere stärksten Zeiten hinter uns, altern schnell und werden gebrechlicher. Noch sehe ich uns als junge Alte, die erstaunlich vital sind. Zugleich kommt nach dem jungen Alter eben nicht mehr das mittlere Alter oder gar die Jugend, sondern das hohe Alter. Danach sprechen wir von Greisen, deren Kraft mehr und mehr schwindet, deren Aktionsradius kleiner wird, die sich langsam, sehr langsam erholen und überhaupt schwach werden.

Passt meine Sichtweise? Auf‘ s Ganze gesehen? Übrigens: meine Beschreibung unserer Gemeinde trifft auch auf unsere ganze Gesellschaft und deren demographischen Wandel zu.

Was machen wir damit? Schulterzucken und hinnehmen? Dagegen ankämpfen wollen wie viele Sportler, die meinen dem Alter davonlaufen zu können?  Eine Mischung?

Derzeit sehe ich es grob so: es gibt gegen das Welken kein Mittel, wir können es höchstens lindern. Unsere größte Aufgabe scheint mir: das Annehmen, was ist, nicht wegdrehen vor dem Verblassen. Annehmen in Dankbarkeit und zugleich darüber nicht unglücklich werden und schwermütig bleiben. Gelassen sein ohne zu resignieren, tätig zu sein ohne sich zu verkämpfen, hoffnungsvoll sein, ohne die Blick auf die Wirklichkeit zu verlieren. Gott etwas zutrauen ohne zu erwarten, dass  goldene Zeiten anbrechen, die es nie gab.

Denn es gibt wohl mindestens drei große gesellschaftliche Trends, die keine Freunde von Kirchen und Gemeinden sind:

  • die seit sehr langem laufende Säkularisierung, die keinen Gott braucht, der Mensch genügt (sich selbst)
  • Die in der Moderne sich stark beschleunigende Individualisierung
  • Die Digitalisierung immer größerer Lebensbereiche, deren Auswirkungen natürlich noch nicht abzuschätzen sind, natürlich erkennbar an mobiler Kommunikation

Kirchen und Gemeinden als (ehemalige) „Sinnstiftungsagenturen“ und mit Ihrer Anlage auf  (physischer) Gemeinschaft, persönlicher (Gottes-)begegnung und analog-bildhaftem Denken und Reden laufen diesen Trends entgegen und sind deshalb „Verliererinnen“, weil sie nicht im Trend liegen. Schade.

Was könnte das für uns heißen? Es wird uns meines Erachtens nicht gelingen, uns trendförmig und damit gesellschaftsfähig zu entwickeln. Unser ganzes Organisationsmodell passt dazu nicht und wir können es auch nicht ändern, ohne Wesentliches unserer Glaubens- und Weltverständnisses aufzugeben. Natürlich gilt es zu überlegen, wie wir Menschen auf Glauben ansprechen und zum Glauben an Gott, einzuladen. Das tut Kirche seit 2000 Jahren. Auch überlegen alle Gemeinden, die ich kenne, wie sie künftig lebendig bleiben können, obwohl sie kleiner, schwächer, leiser werden.

Als große Aufgabe für mich persönlich sehe ich, realistisch und träumend, welkend und kräftig, nüchtern und hoffnungsvoll zu sein. In all dem die Zuversicht nicht zu verlieren, dass Gott uns stets auf unseren krummen Wegen begleitet und uns segnet. Stärkt uns das auf dem Weg ins Unbekannte? „Warum sich sorgen? Komme, was mag. Gott ist mächtig ... so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große segnende Kraft gibt, die Gott heißt.“ (Martin Luther King, jr., 1963).

Adieu

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