Veröffentlicht von Claus Nungesser am Do., 10. Okt. 2019 19:40 Uhr

Alt werden möchten alle, alt sein niemand. Ist das so? Werden: ja, Sein: nein?

Ich selbst bin mit Mitte 50 weder alt noch jung, sondern irgendetwas dazwischen oder beides. Bei allem hin und her ist altern zuallererst ein biologischer Prozess. Immer wollten Menschen das Altern verlangsamen, stoppen, beenden können.

Wir Menschen tun uns schwer mit Loslassen, schwächer werden, nachlassen, nicht mehr so kraftvoll zu sein, wie wir es mal waren. Oder gar sterben.

Als junger Kerl, als „Zivi“ hatte ich im Pflegeheim nach der Schule viel mit Alten und Gebrechlichen, Sterbenden zu tun.

Danach nicht mehr, sondern im Beruf viele Jahre vor allem mit dem mittleren Lebensalter. In der Gemeinde dafür viel mit Kindern und Jugendlichen.

Seitdem ich in Bremen bin, bin ich wieder viel mit älteren und alten Menschen zusammen.

Ein wesentlicher Unterschied zum Zivildienst: ich bin heute selbst viel näher dran und mache mir so meine Gedanken über meinen Alterungsprozess. Nicht leicht, das merke ich. Ich sehe, was im Alter nicht mehr so einfach oder gar nicht mehr geht. Kräfte lassen nach, wir fühlen uns unansehnlicher. Der Prozess lässt sich nicht umkehren, vielleicht bremsen.

Doch Gott sei Dank, ich sehe und erlebe noch anderes in meinen Begegnungen: viel Gelassenheit, viel Weisheit, viel Dankbarkeit für das, was noch möglich ist, viel Interesse am Leben. Ich mag die Gespräche mit Alten, die nicht nur von Jammern und Klagen oder Wehmut an vergangene Zeiten geprägt sind. Häufig werden mir Geschichten aus dem Leben erzählt, da merke ich wieder, was die Kriegs- und Nachkriegsgeneration, die Geflüchteten und Vertriebenen alles erlitten haben. Als Kind schon tausende Kilometer zwangsweise umgesiedelt werden, als jugendliche Flakhelfer mißbraucht als letztes Aufgebot der deutschen Faschisten.

Ja, manche erscheinen mir überängstlich, manche lassen politische Aussagen fallen, die ich problematisch finde, manche wiederholen Geschichten dann doch etwas zu oft.

Dennoch bin ich immer wieder erstaunt und fasziniert, manchmal sprachlos, wieviel Leben in diesen Lebensläufen steckt, Schätze, die entdeckt werden wollen.

Ich frage mich: Wer hört Ihnen (noch) zu? Wer und was ehrt diese Menschen? Was sagt uns das, was uns die Alten sagen, welche Schlüsse ziehen wir aus dem Erleben, Erleiden des Alterns für uns?

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