Veröffentlicht von Claus Nungesser am Sa., 20. Apr. 2019 09:06 Uhr

Karsamstag, am frühen Morgen. Zwischen Tod und Leben, gestern Karfreitag, morgen Ostern.

Ich bin noch einmal auf dem Friedhof, in Osterholz. Vorgestern, Gründonnerstag, eine Beisetzung, wieder einmal. Nicht die erste, nicht die letzte. etwa einmal in der Woche bin ich auf einem Friedhof, ganz schön häufig. Dann laufe ich hinter einem Sarg oder einer Urne her, der letzte Weg eines Menschen. Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Ich laufe den Verstorbenen hinterher, vor mir die Urnenträgerin oder die sechs Sargträger. Ganz bewusst nehme ich noch einmal wahr, was gerade geschieht, versuche mich nicht ablenken zu lassen, sondern halte meinen Blick auf die Urne, den Sarg gerichtet.

Hinter mir laufen die Trauernden, manchmal ganz ruhig, manchmal höre ich leise Stimmen, manchmal sogar etwas lauter. Manchmal wird geplaudert, ich vernehme nur Bruchstücke, möchte sie auch nicht hören, bleibe bei mir, bevor wir am Grab sind.

Ich laufe hinter dem Toten, ich laufe meinen eigenen Gedanken hinterher. Was sagt mir der Tod über mein Leben? Vor vielen Jahren las ich: die Toten sind immer auch ein großes Fragezeichen an uns Lebende. Wie willst du leben im Angesicht deiner eigenen Endlichkeit? Wie kannst du leben? Was erwartest du von deinem eigenen Leben? Was wird dir widerfahren, wirst du erleiden? Wie soll das enden, was soll über dich gesagt werden, wenn du zu Grabe getragen wirst, was soll in Erinnerung bleiben? Wofür lebst du?

Solche Fragen beschäftigen mich hinter dem Sarg, gut so! Ich will den Fragen nicht ausweichen, die Toten haben das Recht mir diese Fragen zu stellen. Was sage ich ihnen? Was sage ich mir im Angesicht des Todes? Ganz Unterschiedliches, meist bin ich dankbar, dass ich leben, lieben darf, dass es Sinn gibt für mich und mein Leben, dass ich Gottes Nähe spüre und mich dieser Nähe öffne.

Mein Leben wird irgendwann abbrechen, es bleibt Stückwerk, unrund, vielleicht ist es zu kurz, vielleicht zu lang, vielleicht zu schwer, vielleicht zu leicht.

Auf keinen Fall will ich diese wenigen Minuten hinter der Urne für mein eigenes Leben missen. Oft bin ich traurig froh, mich geborgen wissend oder hoffend in Gott, so wie ich es hoffe für den Menschen, der vor mir geht. Und für die hinter mir.

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