Veröffentlicht von Susanne Stehr-Murmann am Mo., 2. Mai. 2022 09:06 Uhr

Liebe Gemeinde,

es gibt sie, Fragen, die harmlos daherkommen und es in sich haben, geradezu gefährlich sein können. „Liebst Du mich?“ ist so eine. Wie aus dem Nichts gestellt, vielleicht überfällt sie den gefragten Menschen.

Er oder Sie hat, wie bei jeder Frage, tausend Möglichkeiten zu reagieren. Kurz und knapp „Ja, klar.“, „Weißt Du doch.“ Zeit gewinnen durch „hm“, „Da muss ich mal überlegen …“ - bei der Liebesfrage wahrscheinlich weniger ratsam, so zu antworten.

Oder zurückfragen: „Wie kommst Du jetzt darauf?“ oder „Was meinst Du damit?“

Oder eleganter auf eine Vermutung dahinter eingehen: „Ich habe Dir das schon länger nicht mehr gesagt, das merke ist jetzt selbst, wo Du mich fragst. Ja, ich liebe Dich von Herzen und möchte Dir das immer wieder zeigen!“

Wann haben Sie das letzte Mal jemanden gefragt „Liebst Du mich?“ Oder wurden gefragt?

Lange her? Erst neulich? Eigentlich noch nie? Ich sehr lange nicht mehr, ich habe eher gesagt „Ich liebe Dich.“ oder etwas getan und damit gezeigt, dass ich jemanden liebe.

Ich selbst stelle die Frage nur ungern. Antworten auf die Liebesfrage können schief gehen.

Liebe Geschwister,

Gemeinsam hören wir auf den heutigen Predigttext, es ist ein Wort aus dem Johannesevangelium, aus dem letzten Kapitel. Am Schluss des Evangeliums wird erzählt, wie der auferstandene Christus Menschen, die er kannte und liebte, begegnet. Erst der weinenden Maria von Magdala, dann dem zweifelnden Thomas, schließlich weiteren sieben Jüngern am See Genezareth.

„Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus:

Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben?

Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!

Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?

Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe.

Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!

Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?

Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte:

Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe!“

 

Da sitzen sie am Ufer des Sees, den beide so gut kennen, von Kindheit auf. Haben am Abend darin gefischt und vom Fang gegessen. Petrus und andere der Jünger, sie sind nach den unglaublichen Tagen in Jerusalem erst einmal in den Alltag zurückgekehrt. Alltag? Nein, Alltag ist nicht mehr möglich, denn jemand isst mit ihnen, den sie für tot hielten.

Jesus, von Gott zu neuem Leben erweckt. Jetzt ist er mitten unter ihnen in neuer Gestalt und doch essend und trinkend.

Vertraute Situation, Alltag - und doch völlig anders als vor Jesu Kreuzigung.

Da sitzen die beiden, Jesus, der Aufstandene, und Petrus, der seinen Freund und Meister, verleugnet hat, wenige Tage zuvor: Ich kenne ihn nicht - gelogen. Zuvor noch voller Überzeugung: ich sterbe mit Dir, wenn es sein muss. Wenn alle abhauen, ich nicht! Dann geflohen wie alle anderen aus dem Garten Getsemane. Scham überfällt Petrus.

All’ das erst wenige Tage her, zugleich so weit weg, so unwirklich. Jetzt essen und trinken sie, wenigstens das ist Petrus tief vertraut. Nun, im Vertrauten und im Vertrauen kommt die erste Liebesfrage an Simon Petrus heran: „Simon, Sohn des Johannes, hast Du mich lieber als mich die anderen hier lieben?“ Vor Tagen hätte er sofort gesagt, „ja natürlich, selbstverständlich, liebe ich Dich mehr als alle anderen“. Nun hat sich etwas verändert in ihm, er ist bescheiden geworden: „Du weißt es, ich liebe Dich.“ Er hat bitter lernen müssen, sein Bild von sich ändern müssen. Er vergleicht sich nicht mehr in seiner Freundschaft zu Jesus mit anderen. Nun weiß er: Liebe ist nicht großspurig, hat den Vergleich mit der Liebe anderer gar nicht nötig. Wer liebt, weiß zugleich um die Grenzen der eigenen Liebe. Petrus weiß es durch sein eigenes Versagen. Das hat ihn heiler werden lassen.

 

Liebe Geschwister,

unsere eigene Liebe kann groß sein, doch wer liebt, spürt, wie brüchig und zerbrechlich unsere menschliche Liebe zu anderen ist. Zur Partnerin, zum Freund, zur Freundin, zu den Eltern, zu Kindern, zu Gott. Die Liebe, die weiß, wie klein sie letztlich ist, kann wachsen und reifen. Kann echte Verantwortung übernehmen. Wie Jesus sie Simon zutraut: „Petrus, weide meine Lämmer.“ Damit könnte Jesus es gut sein lassen.

Es geht weiter, zweite Frage, etwas anders gestellt. Jetzt geht es nicht um die andern und mich. Der Auferstandene nimmt nur mich in den Blick. Im Wort an Petrus „Simon, hast Du mich lieb?“ Jesus fragt Simon bei Johannes mit einem bestimmten Liebeswort.

In unserer deutschen Sprache würden wir es wohl „reine Liebe, selbstlose Liebe“ nennen würden. Petrus, ist Deine Liebe selbstlos, kann sie von sich wegsehen, allein Dein Gegenüber sehen? Petrus antwortet: „Du weißt, dass ich die lieb habe.“ Im griechischen Urtext - und das sind seine Feinheiten -  steht hier ein anderes Wort, als Jesus es fragte. Jesus fragte Petrus nach seiner „Agape“, seiner göttlichen Liebe in ihm. Petrus sagt: „philo se“. Jesus, ich Simon, philo se - ich liebe Dich wie einen Freund.

Das ist eine neue Stufe, eine weitere Stufe der Bescheidenheit. Als wollte Petrus sagen: Jesus, ich maße mir nicht mehr an, zu sagen, ich liebte Dich selbstlos. Wenn ich ganz ehrlich bin. Als Freund ja, aber selbstlos? Nein. Ich kann sagen, dass ich ein Freund bin, der bereut, dass er geleugnet hat, Dein Freund zu sein. Ich kann sagen, dass Du mir wichtig bist und ich bereit bin für Dich, wenn Du das willst.“ Freundschaft beruht auf etwas Gegenseitigem.

Wir merken: Petrus ist noch vorsichtiger geworden bei der zweiten Frage. Darauf antwortet Jesus mit weiterer Verantwortung für Petrus: er soll selbst Hirte sein, weide meine Schafe.

Doch es geht weiter: ein drittes Mal fragt Jesus, diesmal geht er noch mehr auf Petrus ein. Jesus spricht selbst die Liebe an, von der Petrus sprach: die freundschaftliche Liebe. Petrus wird traurig. Dreimal wird er gefragt. Was soll er noch sagen, der Auferstandene kennt ihn. Sieht sein Herz, weiß, dass er Jesu liebender Freund sein will. Zweifelt Jesus an Petrus Worten? Gründe dafür gäbe es reichlich. Vielleicht möchte er Jesus sagen: Du weißt, wieviel Berechnung, Eifersucht und Anspruch in meiner Liebe ist. Sie ist von so etwas nicht frei. Aber glaube mir bitte wenigstens, dass ich mich danach sehne, Dich als Freund zu lieben. Das genügt Jesus: „Simon Petrus, weide meine Schafe!

Wen würde das nicht unsicher machen, dreimal die gleiche Frage, dreimal ein zentrale Frage nach unserer Beziehung - zu Gott, zu anderen: Liebst Du mich?

Mit jeder Wiederholung der Frage führt sie tiefer, verunsichert sie uns mehr - es kann eine heilsame Verunsicherung sein, wenn wir bereit dafür sind. Bereit und befreit uns mit der Liebesfrage in Frage stellen zu lassen. Ihr, wie Petrus, nicht ausweichen.

Gute und nötige Liebesfragen können sein:

  • sind wir in der Lage, andere zu lieben, weil in uns selbst ein Schatz von Liebe ist?
  • Wie spüren wir, dass wir selbst in der Tiefe unseres Herzens von Gott geliebt sind?
  • Können wir das glauben, dass wir selbst unfassbar ohne Bedingungen von Gott geliebt sind?
  • Was bewirkt diese Zusage der unendlichen Liebe Gottes bei mir?
  • Wie können wir anderen unsere Liebe, Freundschaft zeigen?
  • Traue ich mich überhaupt, jemandem zu sagen, dass ich ihn mag, gut finde, schätze, dankbar für sie oder ihn bin?
  • Wie einfallsreich sind wir, unsere Liebe anderen zu zeigen?

Öffnen wir uns Liebesfragen, halten ihnen Stand, lassen uns hinterfragen, dann begegnen wir Gott in der Tiefe unseres Lebens. Dann werden wir bereichert, da bin ich gewiss. Auch oder gerade dann, wenn wir einen Mangel in uns spüren. Wir dürfen Gott im Gebet darum bitten, unseren Mangel an Liebe zu füllen. Jesus ging es letztlich um nichts anderes als Liebe in die Welt zu bringen. Was ist das größte Gebot, wurde er befragt: Gott von Herzen lieben und den Nächsten wie sich selbst.

Wir brauchen, die Welt braucht Liebe, danach sehnen wir uns alle.

AMEN

 

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