Veröffentlicht von Rüdiger Kunstmann am Mo., 25. Apr. 2022 10:31 Uhr

Predigt im Gottesdienst am 24. April 2022
Predigttext: Kolosser 2, 8-15

– Pastor Rüdiger Kunstmann


8 Gebt acht, dass euch niemand in die Falle lockt! Weder durch seine Philosophie noch durch falsche Lehren, die nur auf menschlicher Überlieferung beruhen. Ihre Grundlage sind die Elemente dieser Welt – und nicht Christus! 9 In ihm ist die ganze Fülle Gottes leibhaftig gegenwärtig. 10 Und an dieser Fülle habt ihr Anteil, weil ihr zu Christus gehört. Der steht als Haupt über allen Mächten und Gewalten. 11 Er ist es auch, durch den ihr die Beschneidung empfangen habt. Allerdings ist das keine Beschneidung, die von Menschen vollzogen wurde. Sie besteht vielmehr darin, dass ihr eure menschliche Natur abgelegt habt. Das ist die Beschneidung, die uns Christus schenkt. 12 In der Taufe wurdet ihr mit ihm begraben. Mit ihm wurdet ihr auch auferweckt. Denn ihr habt an die Kraft Gottes geglaubt, der Christus von den Toten auferweckt hat. 13 Ja, ihr wart tot aufgrund eurer Verfehlungen. Und eure auf das Menschliche ausgerichtete Natur hatte die neue Beschneidung noch nicht empfangen. Aber Gott hat euch zusammen mit Christus lebendig gemacht, indem er uns alle Verfehlungen vergeben hat. 14 Er hat den Schuldschein getilgt, der uns belastete – einschließlich seiner Vorschriften, die gegen uns standen. Er hat ihn ans Kreuz angenagelt und damit beseitigt. 15 Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt. Er führt sie im Triumphzug mit, der für Christus abgehalten wird.   

Predigt

Liebe Gemeinde!

Als die Menschen zu Lebzeiten Jesu nach seiner Kreuzigung die österliche Botschaft von seiner Auferweckung hörten, konnten schon sie es kaum glauben. Schließlich, hatte ja niemand diese Auferweckung direkt gesehen. Niemand konnte beweisen, dass sie geschehen war. Damit ging es auch ihnen schon damals kaum anders als uns heute.

Und so wird uns in der Bibel auch nicht direkt berichtet, wie die Auferweckung Jesu Christi durch Gott geschehen ist. Vielmehr wird uns in Geschichten von der Zeit danach erzählt, von Begegnungen der Jüngerinnen und Jünger mit einem, den sie schließlich als den Auferstanden Jesus erkannten. Da sind zuerst die Frauen am leeren Grab, die den Leichnam nicht mehr finden können. Und später verschiedene Jünger, wie die am See Tiberias, von denen wir vorhin in der Schriftlesung gehört haben. Sie kommen von einem erfolglosen Fischfang ans Ufer und sehen dort einen Mann stehen, den sie zuerst nicht als den Auferweckten Jesus erkennen. Bis er ihnen wie in früheren Zeiten zu einem reichen Fischfang verhilft und in Gemeinschaft Fisch und Brot mit ihnen teilt. Sie können ihn zuerst nicht erkennen und nicht glauben, dass Jesus lebt. Eine andere Geschichte erzählt uns von dem zweifelnden Jünger Thomas. Der muss sogar seine Finger in die alte Wunde Jesu legen, um es glauben zu können.

Es ist aber eben nicht die Begegnung mit einer Gestalt, die genauso aussieht wie der alte Jesus, so dass man ihn wie einen Beweis als den Auferstandenen vor Augen hätte. Es ist vielmehr die Art der Begegnung mit einem verwandelten, neuen Menschen, der sich ihnen freundlich und liebevoll zuwendet, der sie aus all dem Unverständnis und Zweifeln und der Angst zum Glauben und Vertrauen führt, dass Jesus auf eine neue Weise unter ihnen und mit ihnen lebt. Und denkt dabei an die Situation der Jünger und Jüngerinnen. Sie waren in ihrem Leben bedroht wie Jesus, sind geflohen und haben sogar Jesus verleugnet, um ihr Leben zu retten. Und nach der Kreuzigung lebten sie voller Angst und Scham. Und nun erleben sie, wie einer zu ihnen kommt und sich ihnen trotz ihrer Schuld zuwendet. Er verhilft ihnen zu einem reichen Fischfang. Er teilt Brot und Fisch mit ihnen: Zeichen dafür, dass ihr Leben weitergeht, dass es bei aller Bedrohung und allem Tod neu aufblüht, Zeichen dafür, dass Menschen Vergebung und Versöhnung erfahren und neu ins Leben gehen können.

In solchen zeichenhaften Liebestaten wird erkennbar, dass Jesus Christus lebt, auferweckt ist, und auch wir Menschen Anteil an dieser Auferweckung haben, neu lebendig werden, Menschen zur Zeit Jesu und zu unserer Zeit. Und wir erkennen es durch den Glauben, nicht durch Beweise, in jenen Erfahrungen und Begegnungen, die uns die Kraft und die Vergebung und die Liebe Gottes spüren lassen, so wie es uns in jenen Geschichten der Begegnungen mit dem Auferstandenen erzählt wird.

Und dies drückt Paulus in anderer Weise auch mit seinen Worten im Brief an die Kolosser aus. Das ist ein Brief an die junge christliche Gemeinde in Kolossä in Kleinasien, an der Westküste auf dem heutigen Gebiet der Türkei, damals im Herrschaftsgebiet der Römer. Paulus schreibt hier, mit der Gedankenführung im heutigen Predigttext, dass wir Menschen als Glieder der christlichen Gemeinde Anteil an der Fülle Gottes haben, weil wir zum auferweckten Christus gehören, der als Haupt über allen Mächten und Gewalten steht. Und Gott hat uns zusammen mit dem auferweckten Christus neu lebendig gemacht, indem er Vergebung schafft, die uns Wege zum Frieden ermöglicht.

Das sind starke Worte angesichts einer Welt, in der Mächte und Gewalten regieren, die der Versöhnung und dem Frieden entgegenstehen und das Leben der Menschen nicht selten von Gewalt und vorzeitigem Tod bestimmt sein lassen. So haben es die frühen Christen unter den Herrschern des Römischen Reiches erlebt. Und auch wir erleben dies heute, wo in diesen Tagen unser Leben zunehmend von Krisen, Kämpfen und Kriegen bestimmt wird, und wir jene Gewalten - je nachdem wo wir leben - politisch, wirtschaftlich und militärisch mit ihrer das Leben zerstörenden Macht zu spüren bekommen. Das bedrückt uns in diesen Tagen besonders im Blick auf den Krieg in der Ukraine, der sich weiter fortsetzt und Menschen an vielen Orten und auf unterschiedliche Weise darum ringen, Wege aus dieser mörderischen Gewalt zu finden.

In einer solchen Situation sind die Botschaften und Geschichten von der Auferstehung Jesu Christi ein Ausdruck unseres Glaubens an einen Gott, der seine Kräfte des Lebens gegen all jene zerstörerischen Mächte setzen will, die mit dem Tod regieren. Die mit Lügen und Propaganda ihre Herrschaftsansprüche und Kriege rechtfertigen und viele Menschen ins Verderben reißen, diejenigen, die sie überfallen ebenso wie diejenigen, die sie für sich kämpfen lassen und dabei verheizen. Sie nennen es Befreiung. Aber es ist doch nur gemeiner Mord an Menschen und Völkern. Sie legitimieren es als heilige Kriege im Namen Gottes. Aber es ist doch nur von Menschen getragene Gewalt, befohlen von allzu weltlichen Mächten und Machthabern.

Haben wir Anteil an der Auferstehung Christi, so können wir erkennen und wissen, wie es im Kolosserbrief gesagt wird, dass diese Mächte der Welt, politische, wirtschaftliche, militärische und auch religiöse mit ihren vermeintlichen Lehren und Ideologien nicht Grundlage unseres Lebens und Glaubens sein können. Und sie gleichen nur einem leeren Trug, solange sie nichts von der Liebe zum Nächsten, von der Kraft der Vergebung und Versöhnung in Christus wissen, und zur Grundlage ihres Handelns machen. Denn solange sie jener rohen Macht und Gewalt dienen, die in jenem gnadenlosen Geist des Geldvermehrens, des Machtgewinns, der Konkurrenz und des Kampfes bis hin zum Krieg die Menschen unterwerfen und dahinmorden, demaskieren sie sich nur selbst und tragen in ihrer zerstörerischen Dynamik schon den Keim ihres eigenen Unterganges in sich. Und mit den zerstörerischen Folgen ihres Tuns strafen sie sich nur selbst Lügen, sie würden als Befreier kommen und als Sieger vom Schlachtfeld gehen.

Die römischen Feldherren pflegten in Triumphzügen zurückzukehren und ihre Beute und Gefangenen zur Schau zu stellen. Was da aber eigentlich öffentlich zur Schau steht ist doch nur die Frucht des Todes und der Vernichtung und die Bosheit des Mörders. Und auch das römische Reich ist schließlich an seinem eigenen Unrecht und der Gewalt zu Grunde gegangen – wie manches „1000-jährige Reich“ nach ihm auch - und erneut in der Zukunft.

Im Triumphzug, der für Christus abgehalten wird, wird darum auch etwas anderes zur Schau gestellt, was dem Geiste und dem Kampf Gottes um das Leben entspringt. Die Mächte und Gewalten werden hier nur noch als die Gefangenen und Entwaffneten zur Schau gestellt. Als Triumphator auf dem Triumphwagen zählen aber die Siegeszeichen Gottes, mit denen er das Leben der Menschen regieren will:  Das sind die Wahrheit, mit der die Lügen enttarnt werden, das Recht, das am Ende als das stärkere Mittel den Menschen Gerechtigkeit schafft, als die Waffen, und die Versöhnung, mit der schlimmer Schaden geheilt werde, Menschen miteinander verhandeln und in einem Ausgleich der Interessen zum Frieden finden.

Mit dem Glauben an die Auferstehung der Toten glauben wir daran, dass es möglich ist die Mächte des Todes zu überwinden, Wege aus der Gewalt und Schuld zu finden und das eigene Leben zu erneuern, in unserem eigenen persönlichen Leben ebenso wie im Leben in Gemeinschaften und ganzen Gesellschaften. Und seit den frühen Zeiten der Christenheit ist die christliche Gemeinde als solch ein Ort und Lebensraum gedacht gewesen, in dem wir Anteil am Tod und Auferstehung Jesu haben, damit auch wir zur Versöhnung finden, wo wir eine Schuld abzutragen haben, damit wir zu einem neuen Leben finden, wenn wir in den menschenfeindlichen Mächten und Gewalten und Gesetzen gefangen sind und den Frieden und die Freiheit suchen.

Mit der Taufe werden wir aufgenommen in die christliche Gemeinschaft derjenigen, die Anteil haben an der Lebensfülle Gottes, die sich in der Liebe  Jesu zeigt, mit der er Menschen heilt und versöhnt, mit der er ihnen Frieden stiftet und Gerechtigkeit widerfahren lässt. Und das macht ihn zum Maßstab für die Legitimität aller weltlichen Mächte und Gewalten. Wir werden aufgenommen und mitgenommen auf einen Weg, der uns in die Gemeinschaft mit Menschen führt, die an der Versöhnung und an einem friedlichen Zusammenleben unter den Menschen und Völkern ausgerichtet ist. Und wie eine unbezahlte Schuld unser ganzes Leben lähmen kann und uns wie Tote erscheinen lassen kann, weil wir eben damit von einem guten Leben abgeschnitten wären, so sehr wird uns eine Umkehr und Versöhnung zu neu Lebenden machen, die heilt, was verletzt wurde und wiedergutmacht, was in die Schuld geführt hat.

Und so werden wir mit der Taufe nicht nur in die christliche Gemeinschaft aufgenommen. Wir erneuern und reinigen uns auch, wo wir in die bösen und zerstörerischen Mächte unserer menschlichen Natur verstrickt sind, wie Paulus es ausdrückt, werden mit Jesus Christus begraben und auferweckt zu einem neuen Leben, das aus der Vergebung und Liebe heraus neu aufblühen und seine Früchte bringen kann – und das natürlich bereits hier auf Erden – nicht erst im Himmel - und mit allen Mitteln und Möglichkeiten die uns mit unseren ganz menschlichen Kräften zur Verfügung stehen.

Und das nicht ein für alle Mal, sondern immer wieder neu. Denn wir können doch immer wieder auch vom Weg der Versöhnung abkommen, können neu in eine Schuld geraten. Und dann brauchen wir immer wieder neu auch jene Begegnungen mit dem Auferstandenen in jenen Menschen, die sich uns freundlich und liebevoll zuwenden und uns erfahren lassen, dass die Botschaft von der Auferstehung auch uns gilt und wir unser Leben erneuern, wiederbeleben und neu ausrichten können.

Wir müssen nicht feststecken in den Strukturen von Schuld, Streit und Trennung, Feindschaft und Gewalt, was immer es sein mag, was uns den Mächten und Gewalten in unserer Welt unterwirft. Wir finden immer wieder neu Wege hin zur Versöhnung, zur Freundschaft, zum Frieden – auch wenn die Wirklichkeit beizeiten anders aussieht. Das Samenkorn der Auferstehung wird immer wieder aufgehen und seine Blüten zeigen.  

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