Veröffentlicht von Claus Nungesser am Di., 19. Apr. 2022 12:30 Uhr

Predigt vom Ostermorgen 2022 – zu Matthäus-Evangelium, 28. Kapitel, die Verse 1-10

„Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen.

Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.“

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister

vorne am Altar leuchten 7 Kerzen auf dem siebenarmigen Leuchter, der Menora. Ein zentrales Symbol des jüdischen Glaubens. Wir entzünden die Osterkerze daran um zu zeigen, worin unser eigener christlicher Glaube wurzelt und was uns bis heute mit jüdischen Menschen verbindet. Was uns vor allem verbindet ist, dass auch wir die Hebräische Bibel als Teil unserer heiligen Schriften ansehen. Ein Wort, das immer wieder an ganz wichtigen Stellen im Alten und im Neuen Testament, an Einzelne und an Gruppen von Gott gerichtet wird ist:

„Fürchte Dich nicht.“ oder „Fürchtet Euch nicht“.

Bereits in der Genesis spricht Gott es Abraham zu: „Fürchte Dich nicht.“. Kurz danach hört es die Magd Hagar in der Wüste, dann Jakob, später Mose. Immer wieder erklingt es. Weshalb sollte sich das Volk beim Auszug aus Israel und an vielen anderen Stellen nicht fürchten? Ganz oft heißt es von Gott dazu „Ich bin mit Dir.“ „Ich schütze Dich.“ „Ich errette Euch.“

Die mit Jesus schwangere Maria hört vom Engel: „Fürchte Dich nicht, Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ Josef, ihrem Mann, wird es zugesprochen. In der Heiligen Nacht den Hirten auf dem Feld. In der Vollmacht Gottes sagt es Jesus zu Simon Petrus. Jesus spricht es immer wieder aus vor denen, die sich fürchten „Fürchtet Euch nicht.“ Es gehört zu uns als Menschen, dass wir uns fürchten, niemand ist davon ganz frei. Furcht ist real, wir spüren es am Leib, wenn Furcht uns ergreift. Furcht vor Menschen, mit denen wir üble Erfahrungen gemacht haben. Furcht vor zu großen Aufgaben, vor einer schrecklichen Gesundheitsdiagnose. Furcht vor Krieg, Furcht um unser Leben. Furcht kann uns schützen, oft lähmt sie uns uns hindert uns, frei zu sein.

Wir fürchten die Furcht, weil sie auf uns lastet. Niemand wünscht sich ein Leben in Furcht – doch gehört sie zu uns. Wir werden sie nicht los, immer wieder dringt sie ein. In der Schilderung des Ostermorgens im Matthäusevangelium erklingt des gleich zweimal „Fürchtet Euch nicht.“ Das erste Mal spricht es der Engel zu den beiden Marias als sie den Engel sehen, das Beben spüren und das leere Grab entdecken. Wer würde sich da nicht fürchten? Zum Fürchten, weil die beiden etwas erleben, das ihnen zutiefst unheimlich ist. Etwas, das außerhalb dessen ist, was die beiden kennen oder im Leben einmal erlebt haben. Wer würde sich da nicht fürchten?

Und die Stimme des Engels stelle ich mir ganz sanft und beruhigend vor als er ihnen verkündet, was in der Nacht geschehen ist: Gottes Liebe ist stärker als der Tod. Der mächtige Gott hat Jesus von den Toten erweckt. Unglaublich!

Und doch, die beiden Frauen, bei aller Furcht, die in ihnen ist, da keimt noch etwas anderes. Wir hören es im Satz „Sie gingen weg vom Grab mit Furcht und großer Freude.“ Ich finde es so bemerkenswert und ehrlich, dass ihre Furcht nach der Engelsbegegnung nicht weg ist. Sie ist vielleicht etwas weniger, doch  noch da. Das Wunder, von dem sie hören, hat sie nicht weggenommen. Zugleich tritt etwas anderes hinzu: „große Freude“ über das, was ihnen gesagt ist.

Freude, weil, Gott so an Jesus handelt, wie Jesus selbst es immer wieder gezeigt hat: als Liebender, als Gott des Lebens. Die große Hoffnung von Maria und Maria und so vieler anderer, sie hat sich erfüllt. Jesus ist der von Gott Gesandte, der Messias Israels. Große, große Freude, dass das Ende des Kreuzes ein Übergang war zu etwas wahrhaft Neuem. So laufen sie davon mit Furcht und großer Freude – und Jesus erscheint ihnen, sie laufen ihm in die Arme. Sie hören es noch einmal von ihm: „Fürchtet Euch nicht.“ Der Auferweckte beauftragt sie, das was sie erlebt haben, weiter zu sagen. Das tun sie. Sie haben es nicht für sich behalten. Menschen wie Maria von Magdala, wie Petrus, wie Andreas, wie Johannes, wie Maria, die Mutter von Jakobus. Keine Stars waren sie, keine Reichen, keine Mächtigen, keine Philosophinnen, viele von ihnen konnten kaum lesen und schreiben. Menschen jüdischen Glaubens, deren tiefes Sehnen nach Gottes Reich sich erfüllt hat. Einfache Menschen, doch eines haben sie getan: von dem erzählt, was und wer sie ergriffen hat bis in die Tiefes ihres Lebens. Sie konnten nicht anders, sie trugen die Lebenshoffnung gegen die Furcht weiter. Selbst den Tod nahmen sie in Kauf, etliche ließen später ihr Leben.

Die Hoffnung, die von Ostern ausgeht, trugen sie weiter und weiter – bis heute. Gott haben sie erfahren, der lebendig macht, der wirkt – bis heute. Bis zu uns heute an diesem neuen Ostermorgen, an dem die Furcht in unserem Leben da ist und zugleich die Freude wächst. In diesen dunklen Zeiten in uns und um uns sollen wir die Osterfreude bezeugen ohne unsere Furcht zu verschweigen oder so zu tun, als gäbe es in uns keine Furcht.

Wir fürchten uns auch als Glaubende, weil wir Menschen sind. Zugleich dürfen wir unser Leben in der gleichen Hoffnung wie die Marias am Morgen leben: Die große Auferstehungsfreude, sie begegnet unseren Befürchtungen, sie nimmt es mit unserer Furcht auf, sie lindert unsere Todesfurcht. Das Licht, das von Ostern ausgeht, es nährt unser Gottvertrauen, dass irgendwann alle Dunkelheit vertrieben ist.

Christus ist auferstanden – Halleluja!

                 Pastor Claus Nungesser

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